Tierwohl bedeutet Verantwortung auf dem Bio-Hof Outremont

16. Oktober 2023

Was bedeutet es, hochwertiges Weidefleisch von seltenen Nutztierrassen zu produzieren? Wir sind zu Besuch bei Familie Schweer auf dem Bio-Hof Agriculture Outremont in St. Ursanne im Jura. Sie zeigen uns, was sie unter Tierwohl verstehen und wie sie zur Berufung gefunden haben.

Bio-Bauer mit Kuh

Wieso es bei der Tierhaltung Vertrauen und Respekt braucht

Florian Schweer hat seinen Beruf gewechselt, um seine Berufung zu leben: Von der Werbebranche raus auf die Wiesen und rein in den Stall. Jetzt ist er Knospe-Produzent aus Überzeugung. «Es war mir klar, dass ich mit Tiere arbeiten will und wir standortgerecht und biologisch Lebensmittel produzieren», so der 34-jährige Bio-Landwirt. Durch seine Leidenschaft, die Pferde, konnte er viel über den Umgang und das Verhalten von Herdentieren lernen. «Ich hatte das Glück, von meinem Lehrmeister unglaublich viel über die Pferdeausbildung zu lernen. Das hilft mir heute im Umgang mit den Rindern und beim Verstehen vom Verhalten der Stiere.

Wir versuchen das richtige Verhältnis von Vertrauen und Respekt im Umgang mit unseren Tieren in Balance zu bringen». So ist es das Ziel von Florian und Nicole, dass ihre Tiere das Vertrauen haben, berührt zu werden, aber auch den Respekt, sich treiben oder verladen zu lassen. «Vertrauen bringt Ruhe ins Leben der Tiere, Respekt Sicherheit für die betreuenden Menschen.»

Das zeigt sich besonders im Umgang mit ihren behornten Kühen: «Für mich gehören die Hörner zur Kuh und deshalb behalten unsere Kühe ihre Hörner. Tiere zeigen unglaublich viel über ihre Körpersprache und ihr Verhalten, wir kennen jedes Tier bei seinem Namen, wir wissen, wie man sich ihnen nähert oder sie auf Abstand halten kann. Mit einem aufmerksamen und respektvollen Umgang und dem nötigen Platz minimiert sich Verletzungsgefahr aufgrund der Hörnern», sagt Florian. Aber: «Das richtige Verhältnis von Vertrauen und Respekt entsteht nicht von heute auf morgen. Das ist eine konstante Arbeitsphilosophie von Anfang an. Es braucht Aufmerksamkeit in allen Situationen von der Geburt, über das Ohrmarken setzen, das Absetzen von der Mutter und der späteren Aufzucht bis hin zum Angewöhnen an das Tötungsfressgitter für die Hofschlachtung. Eine Beziehung entsteht durch die Summe der einzelnen Interkationen während eines Lebens.»

Bio-Hof Agriculture Outremont: Ein Ort nicht von dieser Welt

Lernen Sie die Familie Schweer und die idyllische Lage im Jura selbst kennen. Denn hier gibt es zwei Jurten für Agrotourismus sowie einen Stellplatz für den Campervan. Im Hofladen können die hochwertige Bio-Lebensmittel direkt vom Bio-Hof gekauft werden. Sie finden Agriculture Outremont in St-Ursanne im Jura auf 750 Metern in Bergzone II. Auf den rund 50ha lebt die hundertköpfige Mutterkuhherde von den Kälber und ihren Mütter bis zu den erwachsenen Stieren, vier Pferden sowie rund 50 Wollschweine, 50 Hühner und einige Geissen.

www.outremont.ch

Film ab: Auf zum Bio-Hof Agriculture Outremont

Mehr Tierwohl, weniger Leistung

«Uns war eine standortgerechte Tierhaltung wichtiger als möglichst viel Menge mit Hochleistungstieren zu erzeugen. Unsere Tiere sollten mit dem, was hier auf dem steilen, jurasischen Hof wächst, gesunde und langlebige Lebensmittel erzeugen. Ohne Kraftfutter.» Nicole Schweer, die Tierärtzin präzisiert: «Nicht-artgerechte Fütterung und ein hoher Leistungsdruck gehen zu Lasten des Tierwohls. Viele Hochleistungstiere sind daher meistens sehr jung bereits ausgelaugt oder entwickeln Beschwerden, die ihre Lebensqualität stark einschränken».

Die Schweers haben also seltene Pro-Specie-Rara Nutztierrassen wie die Appenzeller Spitzhaubenhühner. Sie leben jahrelang und legen aber nur halb so viele Eier wie ein modernes Hybridhuhn. Dafür sind sie aber nicht nach einer Legeperiode oder zwei ausgelaugt. Man merkt den Respekt den Tieren auch an anderen Orten: Die Wollschweine werden hier beispielsweise nicht gemästet, sondern gefüttert. «Unsere Schweine bekommen auch alles, um ihre Ration auszugleichen, was auf dem Bauernhof so anfällt, von Gras, Obst oder Gemüse. Sie leben wann immer möglich draussen unter freiem Himmel mit der Schnauze in der Erde».

Die Geissen werden nicht nur für die Herstellung von Käse oder Fleisch verwendet, sondern vor allem zur Landschaftspflege in den Biodiversitätsflächen. Die steilen und hügeligen Flächen sind wie gemacht für sie. Und die Bergwiesen sind ideal für die Hinterwälder Rinder. Hier dürfen sie artgerecht in gemischten Herden mit Stieren ihre Lebenszeit auf der Weide verbringen. «Wir ziehen unsere Stiere selbst auf und alle Tiere werden im Natursprung gezeugt. Rinder haben komplexe soziale familiäre Netzwerke und diese dürfen sie bei uns leben: Nur weibliche Tiere in einer Herde ist nicht natürlich. Hier lebt das Kalb mit der Mutter, dem Bruder oder der älteren Schwester sowie Grossmutter und Vater zusammen. Das führt aber auch zu wesentlich mehr züchterischem Aufwand.»

Bio-Bauer mit Kühen auf Weide.

Verantwortung von der ersten bis zur letzten Sekunde

Bio-Landwirt Florian Schweer möchte seine Tiere bis zum Ende begleiten. «Wenn wir von Tierwohl sprechen, geht es auch um die Schlachtung. Viele wollen das lieber gar nicht hören, aber es ist wichtig und gehört zum Tierwohl dazu». Auch wenn das Thema für viele unangenehm ist, kann man mit dem nötigen Wissen in Zukunft auf die Herkunft des Fleisches achten: Denn vor allem der Transport von der Herde weg ins Schlachthaus ist für die Tiere stressig und anstrengend. «Wir wollten das nicht mehr. Ich möchte einen würdevollen Tod für die Tiere und deshalb ist es für sie am besten, sie direkt auf dem Hof zu töten.»

Schweer gehört damit zu den Pioniere der Hoftötung. Seine Einstellung dazu entspricht dem Kreislaufgedanken, der prägend für die biologische Landwirtschaft ist. «Auch der Tod gehört zum Leben und hat einen festen Platz im Kreislauf und in jedem Ökosystem». Er möchte das Verhältnis der Menschen zur Schlachtung und denn dadurch entstehenden Lebensmittel und Bewirtschaftung verändern: «Die Natürlichkeit soll zurückkommen dürfen.»

Fair produzieren, faire Preise

Bio steht für eine verantwortungsvolle Produktion, die Mensch, Tier und Natur respektiert und die Böden für weitere Generationen gesund und fruchtbar erhält. Deswegen sind all unsere Lebensmittel etwas wert. Mit fairen Preisen ist eine faire Produktion möglich, die mehr Tierwohl und weniger Leistung fördert. Ein bewusster Konsum trägt dazu bei, diese Art der nachhaltigen Produktion zu fördern. Auf Biomondo können Sie direkt ab Hof bei vielen unseren Bio-Produzenten einkaufen und spannende Höfe in Ihrer Region entdecken. So auch online beim Bio-Hof Agriculture Outremont.

www.biomondo.ch

Redaktion: Maya Frommelt, Fotos und Film: Dario Grasso, VitroniC