«Alle hatten dasselbe Ziel: gesund produzieren, unabhängig bleiben»

01. November 2021

Er war ehemaliger Vizepräsident der Genossenschaft Progana, eines der fünf Gründungsmitglieder von Bio Suisse. Als Gründer der Mitgliedorganisation BioVaud und Vorstandsmitglied von Bio Suisse hat François-Philippe Devenoge mit unzähligen Initiativen zur Entwicklung und Förderung des Biolandbaus nicht nur in der Westschweiz beigetragen. Bis heute ist dieser welsche Pionier als Brückenbauer unterwegs. Ein Gespräch über bewegte Zeiten.

François-Philippe Devenoge, wie begann die Geschichte dieser Mitbegründerin von Bio Suisse aus dem Welschland?

Anfang der 70er Jahre, als der Einsatz von chemisch-synthetischem Dünger, Pestiziden und Fungiziden zunahm, begannen sich bei uns in der Westschweiz einige Personen ernsthafte Sorgen zu machen um ihre Böden und Kulturen und um die Lebensmittel, die sie produzierten. Sie kannten sich, vernetzten sich rundum mit Gleichgesinnten. Es waren nicht nur Bauern oder Winzer darunter, sondern auch Käser, Müller, Betreiber von Gemischtwarenläden. Sie alle wollten frei bleiben, unabhängig von der Chemiespritze und waren interessiert an unbelasteten, naturbelassenen Lebensmitteln. Das führte logischerweise auch zum Namen der Kooperative: Progana – «Produits garantis naturels» (garantiert natürliche Produkte). 

Zur Person

François-Philippe Devenoge (1951), Gartenbauarchitekt und Biobauer von Dizy VD, ist mit dem welschen Biolandbau ebenso stark verbunden wie mit der Scholle seiner Vorfahren, deren Geschichte bis ins Mittelalter zurückreicht. Dem ehemaligen Vizepräsidenten von Bio Suisse und der Genossenschaft ProGana hat die Bio-Romandie viel zu verdanken. Auch politisch engagierte er sich als Gemeinderat seiner Heimatgemeinde. Ende der 80er Jahre kandidierte er als Erster in der Schweiz als Grünliberaler ohne Partei für den Kantonsrat. An seinem 70. Geburtstag hat der leidenschaftliche Weltenbummler und umtriebige Romand die Ferme de la Lizerne definitiv in die Hände seiner beiden Kinder Alice und François und deren Familien übergeben. 

Die Gründer entschieden sich für die Bezeichnung «natürlich» anstatt für «Bio»?

Die Bezeichnung «Bio» erhielt erst später Bedeutung für uns, als wir in den 90er Jahren die welschen Bio-Organisationen gründeten. Wir wollten an den Delegiertenversammlungen von Bio Suisse unbedingt mehr Stimmanteile. Die Westschweizer waren bis dahin nur durch Progana vertreten, und das waren gerade mal drei Stimmen! Da fällt mir eine kleine Anekdote ein: Als ich auf Einladung des damaligen Progana-Präsidenten Beat Waber zum ersten Mal an der Delegiertenversammlung in Olten teilnahm, fragte der Bio Suisse-Präsident zu Beginn, ob jemand etwas mitzuteilen habe. Waber stand auf: «Meine Damen und Herren, Sie können heute bitte Hochdeutsch sprechen, mein Begleiter ist ein waschechter Welscher.» Es waren rund hundert Delegierte im Saal. Man war etwa bei Traktandum 7 angelangt, als sich Waber erhob. Ich wusste bereits von der gemeinsamen Zugfahrt her, dass er überhaupt nicht einverstanden war mit dem Vorschlag des Vorstands. Waber wetterte auf Berndeutsch drauflos. Sofort stoppte ihn der Präsident, gemahnte zum Hochdeutsch. In seinem Elan gebremst, ereiferte sich Waber erst recht: «Hochdeutsch habe ich nie lernen wollen, dann rede ich eben Französisch!» Es war hart für ihn, denn er wusste, dass dadurch keine fünf Prozent der Anwesenden verstehen konnten, was er sagen wollte.

Progana war von Anfang an auf die französischsprachige Schweiz ausgerichtet?

So ist es. In der Organisation hatten sich Vertreter aus den Kantonen Genf, Waadt, Wallis, Freiburg, Neuenburg und aus dem Jura zusammengefunden. Einige arbeiteten ebenfalls mit anderen Organisationen zusammen, wie zum Beispiel Beat Waber, der als Produzent auch an die Biofarm im Kanton Bern lieferte. Aber letztlich hatten alle dasselbe Ziel: gesund produzieren, unabhängig bleiben. Zusammen mit Demeter, Biofarm, FiBL und Bioterra haben diese Pioniere von Progana zur Gründung von Bio Suisse beigetragen.

Wie hat sich die Genossenschaft im Lauf der Jahre entwickelt?

Um den Fortbestand von Progana musste immer wieder hart gekämpft werden. Mit der Bildung der kantonalen Mitgliedorganisationen in der Westschweiz engagierten sich auch Köpfe aus dem Vorstand von Progana an der Spitze dieser neuen Verbände. Diese Mehrfachbelastungen führten die junge Genossenschaft in einen Engpass. Es gab immer wieder Wechsel, Kämpfe und neue Aufbauarbeit zu bewältigen. Während sich die Mitgliedorganisationen vor allem die Förderung von Bio und die Verhandlungen mit den Behörden auf die Fahne schrieben, galt es in den Aufbaujahren, die Funktion von Progana zu festigen und weiterzuentwickeln. Die Genossenschaft musste sich in ihrer Rolle als Verbindungsglied zwischen Produzenten und Abnehmern behaupten. Dazu gehört bis heute: interessante Absatzmöglichkeiten für die Vermarktung der Produkte unserer Mitglieder finden. So hat sich Progana zum Beispiel als Gründerin der «Table du lait» (Milchmarktrunde) etabliert und spielt im Rahmen von Bio Suisse am Verhandlungstisch für faire Milch- und Getreidepreise eine wichtige Rolle. Doch der Weg bis dahin war nicht leicht.

Was bleibt Ihnen auf diesem Weg in prägender Erinnerung?

Mit der Buchhaltung, die dem damaligen Geschäftsführer oblag, gab es Anfang 2000 grosse Probleme. Unseren Partnern und Abnehmern, wie Molkerei- oder Saatgutbetrieben, konnten wir keine korrekte Buchführung vorlegen. Sie kamen nicht mehr an unsere Versammlungen, hatten das Vertrauen verloren. Der Geschäftsführer bestritt, es kam zum Eklat, der Vorstand wurde erneuert. In der Folge wurde auch die von uns ins Leben gerufene Konsumentenvereinigung «BioConsommActeurs» ausgegliedert. Unser ehemaliger Sekretär Manuel Perret setzt sich heute zusammen mit einem kleinen Team mit bemerkenswertem Feu sacré dafür ein, dass sie als unabhängige Bewegung für die Förderung eines regionalen, nachhaltigen, fairen und biologischen  Konsums Informationsarbeit leistet und an Bedeutung gewinnt.

Wie ist die Genossenschaft heute aufgestellt?

Es braucht wie überall fähige Menschen, die Verantwortung übernehmen und glaubwürdig auftreten können. Mit der Neubesetzung des Vorstands, unserer neuen Präsidentin Sylvie Bonvin-Sansonnens, dem professionell erfahrenen sowie diplomatisch geschickten Geschäftsführer Kurt Zimmermann und einem griffigen Aktionsplan 2021-2023 bin ich sehr zuversichtlich.

Sehen Sie Unterschiede zwischen Bio in der Romandie und Bio in der Deutschschweiz?

Oh, da gibt es für mich so viele Unterschiede wie Kantone in der Schweiz. Wenn ich nur schon ans Klima, an die kulturelle Vielfalt, an die Mundarten denke… Meiner Erfahrung nach sind die Romands etwas entspannter als die Deutschschweizer, die sich wohler fühlen, wenn es aufgeräumt ist. Strenge Regeln sind gut, doch sollten sich alle damit zurechtfinden können. Das macht das Schweizer Wunder aus. Auch unser Bioland widerspiegelt das.

PROGANA

Die Pionierorganisation und Mitbegründerin von Bio Suisse wurde 1972 in der Romandie gegründet. Mit ihren 157 Mitgliedern und 372 angeschlossenen Biomilch-Betrieben (Januar 2021) setzt sich die Kooperative landesweit für deren gemeinsame Interessen in Zusammenhang mit der Erschliessung von Absatzkanälen, der Weiterentwicklung regionaler Produktionsmöglichkeiten und einer fairen Preisgestaltung ein. Mit ihrem Aktionsplan 2021-2023 gibt sie sich ehrgeizige Ziele, um ihre Stellung als Westschweizer Bio-Plattform, unterstützt von den Kantonen, zu festigen und auszubauen. Progana ist in den Kantonen GE, JU, NE, VD, VS und BE insbesondere in den Sektoren Milch und Ackerkulturen tätig. www.progana.ch

Welche Ereignisse waren prägend für die welsche Bio-Geschichte?

Als erstes fällt mir der Brand im Moulin de Curtilles (VD) ein. Er hat das Marketing von Progana und unsere Ausgangslage auf dem Brotgetreidemarkt komplett verändert. Weil nicht genügend Inland-Biogetreide vorhanden war, gab es in den 70er Jahren Importkontingente. Progana hatte zusätzliches Brotgetreide in Bioqualität vor allem aus dem Burgund eingeführt. Die Franzosen waren für ihre Verhältnisse gut bezahlt, für uns Schweizer günstiger, und das brachte uns ein Aufgeld ein. Der Wechsel zu den Minoteries de Plainpalais in Granges-Marnand (VD) hatte einen einschneidenden Autonomieverlust für Progana zur Folge, und wir mussten nach neuen Möglichkeiten suchen. Prägend war später, wie bereits erwähnt, die Gründung der kantonalen Mitgliedorganisationen der Westschweiz in den 90er Jahren. Das brachte uns mehr Ansehen seitens der Behörden, wir erhielten Subventionen, Bioberatungsstellen, mehr Einfluss. Innerhalb von Bio Suisse bekamen wir mehr Stimmen und damit Gewicht. Nicht zuletzt führte das den anderen Mitgliedern auch die Vielfalt unserer Landwirtschaft vor Augen. Das alles gab uns Wert. Und, ganz wichtig: Erst die Übersetzung der Sprache einer kleinen Minderheit gab uns endgültig eine Stimme und half den Deutschschweizern, die Romands besser kennenzulernen. Und nicht zuletzt war auch unser welsches Engagement an den grossen internationalen Bio-Messen in Deutschland mit Nürnberg an der Biofach und in Frankreich mit der Éco Bio in Colmar eine wichtige Etappe. Da konnten wir über die Landesgrenzen hinaus sehr gute Beziehungen knüpfen.

Was hat Ihre persönliche Flamme für Bio entzündet?
Von Kindsbeinen an habe ich auf dem Betrieb der Eltern mitgeholfen. Das gibt Bodenhaftung. Mit 18 hatte ich das Glück, in Genf eine der beiden, damals ganz grossen europäischen Schulen für Gartenbauarchitektur zu besuchen. Schon als Jugendlicher bin ich per Autostopp nach Südfrankreich gereist. Reisen von Afghanistan über Indien weit nach Asien hinein und bis in den Amazonas haben mich die Welt entdecken lassen, das hat mich gelehrt, den Wert des Lebens zu respektieren.

Was wünschen Sie Bio Suisse für die Zukunft?
Dass unser Dachverband die Nähe zur Basis wieder findet, und dass er eine ernsthafte Analyse seiner Distributionspolitik vornimmt. Er kann seine Identität, seine ursprünglichen Werte und seine Stärke nur aufrechterhalten, wenn er seine Unabhängigkeit in Ehren hält.

Interview: Sabine Lubow, Bilder:  Depositphotos, Archiv Bio Suisse,  Progana, zVG François-Philippe Devenoge