«Ganz oder gar nicht. Eine offene Hintertüre wollte ich nie!»

28. Juni 2021

Ein grosser Schritt für ein kleines Land: Richard Schierscher geht neue Wege in der Landwirtschaft und bewirtschaftet den Auhof als ersten Betrieb Liechtensteins in den 1980er Jahren biologisch-dynamisch. Lange, bevor der Bio-Boom einsetzt. Der Demeter-Pionier spricht über Hintergründe, seine Überzeugung und die Anfänge der Bio-Bewegung

Rund zwei Kilometer läuft man durch das offene Feld im Schaaner Riet, im Rheintal in Liechtenstein, umgeben von Bergen. Keine Nachbarn, dafür eine Begegnung mit zwei Rehen, die schnell in den Hecken am Feldrand verschwinden. Dort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, könnte man meinen. Doch dann kommt er, der «Aussiedlungs-Bauernhof» der Familie Schierscher. Heute lebt der 31-jährige Sohn Samuel dort mit 120 Rindern, fünf Hühnern und viel Platz. Er bewirtschaftet hier 45 Hektaren und führt den Auhof als Demeter-Betrieb weiter. Sein Vater Richard Schierscher ist der erste Bio- und Demeter Landwirt im Ländle. Für den heute 72-jährigen war klar, dass er in der Landwirtschaft andere Wege einschlagen wird. 

Wende um 180 Grad

«Ich wollte weg vom Dorf, es war mir zu eng», sagt der pensionierte Demeter-Landwirt. Als 22-jähriger hatte er den konventionellen Milch- und Gemüsebetrieb der Eltern übernommen. «Ich baute einen intensiven Mastbetrieb mit 200 Muni auf, auch selbst enthornt hatte ich.» Der Betrieb war wirtschaftlich gut aufgestellt. Doch mit der Zeit stellte sich Schierscher den Sinnfragen des Lebens: «Was will ich im Leben noch erschaffen und was hinterlassen? Und wie will ich weiter arbeiten?»
Zusammen mit seiner Frau entdeckte und teilte er das Interesse für die Anthroposophie. Ein wesentlicher Teil davon ist die Einstellung zur Landwirtschaft, zum Boden und zu den Tieren. «Mein Zugang zum konventionellen Betrieb hat sich gänzlich verändert, als ich mit dem landwirtschaftlichen Kurs von Rudolf Steiner in Berührung kam. Für mich war klar, dass ich von nun an biologisch-dynamisch arbeiten möchte.»

Demeter, die Göttin der Bodenfruchtbarkeit

Demeter ist die erste biologische Anbaumethode, benannt nach der griechischen Göttin der Bodenfruchtbarkeit. Das biodynamische Prinzip der geschlossenen Kreisläufe findet hier seinen Ursprung: Auf dem Hof werden nur so viele Tiere gehalten, wie sich mit eigenem Futter ernähren lassen. Dadurch wiederum liefern die Tiere genug Dung, um Boden und Pflanzen zu ernähren. Alles ist miteinander verbunden, in der biodynamischen Landwirtschaft geht es deshalb um die Stärkung des Ganzen. Boden, Pflanze, Tier und Mensch werden als Teil eines grossen Kreislaufes gesehen, in dem alle aufeinander angewiesen sind und sich gegenseitig unterstützen. Demeter-Betriebe halten in der Regel weniger Tiere, um nach diesen Prinzipen leben zu können. «Ja, man muss sich ganz anders einlassen und vertiefen», so Schierscher. Es gibt es zum Beispiel die biodynamischen Präparate wie Hornmist, Hornkisel und die Kompostpräparate. «Bei der Umstellung habe ich einen sogenannten Götti-Betrieb bekommen, den ich Fragen konnte, insbesondere bei der Anwendung der Präparate», erklärt Schierscher.

Vorschriften, Akzeptanz und wachsender Markt

«Ich finde die Vorschriften der biodynamischen Landwirtschaft nicht strenger, sondern einfacher. Zum Beispiel brauche ich keine Hilfsmittel von aussen, sondern weiss, dass ich meinen Boden durch die biodynamischen Präparate natürlich stärke.» Dabei geht es um lebendige Böden. Nur Substanzen, welche auch im organisch lebendigen Bereich beheimatet sind, tragen in der Lehre Steiners zu einem gesunden, vitalen Boden bei. Mit den biodynamischen Präparaten werden die vier Naturreiche Mineralisches, Pflanzliches, Tierisches und Menschliches in neuer Weise miteinander in Verbindung gebracht.

Und wie reagierten die konventionellen Landwirte? «Ich wurde schon beäugt von anderen, aber das war mir egal». Wie es so oft gilt: Erst verachtet, dann bekämpft und am Ende akzeptiert.

Inzwischen ist das Land Liechtenstein eine Bio-Hochburg und mit über 40% Bio-Anteil in der Landwirtschaft an weltweiter Spitze. «Hilcona hat als grosser Verarbeitungsbetrieb in den 90er Jahren begonnen, Babynahrung zu produzieren – und diese musste biologisch sein. Die Nachfrage war plötzlich da.» Und dann wurde Bio in Liechtenstein stark subventioniert und gefördert, es folgten viele Umsteller. Der Verein Bio Liechtenstein wurde 1999 gegründet und ist eine Mitgliedorganisation von Bio Suisse, Schierscher hat sich als Pionier lange aktiv eingebracht und war als Delegierter tätig.

Eine neue Bio-Generation

Heute hat der Bio-Pionier dem Sohn auf dem Auhof Platz gemacht und ist mit seiner Frau in eine Wohnung ins Dorf gezogen. «Etwas Distanz ist gesund,» lacht er. Auf dem Demeter-Betrieb helfen tut er aber immer noch. Zum Beispiel beim Anrühren der biodynamischen Präparate. «Wir haben fünf Kinder, sie haben von Mathematik bis Umweltingenieurwissenschaften unterschiedliche Laufbahnen eingeschlagen. Es ist schön, dass unser jüngster Sohn Samuel nun den Betrieb weiterführt.» Und in der Tat ist Samuel Schierscher tatkräftig am Werk. Vor drei Jahren hatte er den Stall umgebaut und eingestreute Liegeflächen für noch mehr Tierwohl kreiert. «Und das, obwohl die Tiere nach Möglichkeit immer auf der Weide sind.» Tierwohl, Nachhaltigkeit und vitale Böden sind auch Themen, die dem Sohn am Herzen liegen.

Die heutige Generation lebt mit der Digitalisierung, die auch in die Landwirtschaft einzieht. «Es gibt enormen technischen Fortschritt, Landwirte, die mit Robotern jäten», so Schierscher. Den Bezug zur Natur möchte der Demeter-Pionier aber nie verlieren.

Redaktion: Maya Frommelt, Fotos: ©bioland.li