«Bio muss man im Herzen tragen, nicht im Portemonnaie»

17. März 2021

Sanft auf dem Hügel gelegen, eingebettet zwischen Wäldern und Hecken, erstreckt sich der Bio-Betrieb Chrömeli von Iris und Bernhard Hänni in Noflen, unweit von Thun. Seit 1969 verzichten sie schon auf unnötige Dünger, doch Bernhard Hänni will mehr: Nachhaltige, aufbauende Anbausysteme. Zudem tüftelt er an neuen Maschinen für die pfluglose Bodenbearbeitung und gibt aus ethischen Gründen erst die Milchwirtschaft, dann auch die Legehennen auf.

Werte und Grundsätze

Bernhard Hänni steht ein für seine Meinung und lebt seine Ideale mit allen Konsequenzen. Dies hat dazu geführt, dass der Bio-Hof jetzt einen leerstehenden Hühnerstall hat. Und das, obwohl Bio-Eier gefragt sind. «Für mich hat es nicht mehr gestimmt. Auch wenn die Kunden unsere Bio-Eier mochten, ich konnte aus ethischen Gründen nicht mehr dahinterstehen – trotz Bruderhahnaufzucht.» Von einem Tag auf den anderen, als die Hühner geschlachtet wurden, war das Thema Eier vom Tisch. Bei 100’000 Eiern pro Jahr gar nicht so einfach. Von den 350 Hühnern sind lediglich drei geblieben – nur noch Eier für den Eigenbedarf. «Nein, ich bereue es nicht. Wir haben andere Pläne mit dem Gelände.» Zum Beispiel soll auf der Fläche ein Permakultur Waldgarten entstehen. Bio darf und muss sich weiterentwickeln. «So wie wir uns im Betrieb weiterentwickeln und verbessern wollen, so wünsche ich mir das auch für die Landwirtschaft allgemein.» Geschlossene Kreisläufe, gesunde Böden, pestizidfreies Gemüse und weniger Kompromisse gehören für Hänni auf jeden Fall dazu. Denn: «Bio muss man im Herzen tragen, nicht im Portemonnaie.»
Bio-Hof Chrömeli140 Gemüsesorten werden hier auf sieben Hektaren biologisch in pflugloser Bodenbearbeitung angebaut. Steckenpferd sind die Tomaten, wobei die Hännis von über 70 verschiedenen Sorten, darunter Pro Specie Rara, auf acht Tomatensorten reduziert haben. Ganz generell: Weniger ist mehr. Dafür konsequent und ganzheitlich. Wie beispielsweise die hofeigene, vegetarische Düngung. Die Hännis pflegen einen eigenen Kompost aus Grünabfällen und arbeiten mit effektiven Mikroorganismen zur Pflanzenstärkung und zum Aufbau des Bodenlebens. Der Erfolg gibt den Hännis Recht. Sie beschäftigen insgesamt 18 Mitarbeitende. Alle kommen aus der Region, auf saisonale Arbeitskräfte aus dem Ausland verzichten sie. In der über 50-jährigen Bio-Geschichte haben sie sich stets weiterentwickelt. Noch als Generationen-Gemeinschaftsbetrieb geführt, verzichten sie seit 1999 komplett auf Kupfer. «Es lebe der Boden», so das Motto.

Weitere Infos: HÄNNI NOFLEN Bio-Gemüse, 3116 Noflen


Von der Märit-Tradition zum Bio-Stadthofladen

Der Markt war ein wichtiger Bestandteil für Bernhard Hännis Eltern, durch jahrelange Märkte-Präsenz in der Umgebung konnte Mutter Käthi das Vertrauen und die Treue der Kunden gewinnen. Auch Bernhard Hänni sucht die Nähe zu den Kunden, wenn auch nicht mehr am Marktstand: Die Hännis haben einen Stadthofladen mit einem Bio-Vollsortiment am Rande von Thun eröffnet und die Markttage aufgegeben. Im Geschäft findet man auch Produkte, die die Hännis nicht selbst produzieren. Wie zum Beispiel Schweizer Bio-Kichererbsen. Hänni unterstützt innovative Bio-Bauern, indem er ihre Produkte im Laden anbietet, wie beispielsweise das ganze Sortiment der Bio-Farm Genossenschaft. «Die Komfort-Zone habe ich einige Male verlassen. Man muss es wagen, neue Wege zu gehen. Ich denke dabei an meine Kundinnen und Kunden: Was wünschen sie sich?» Danach richtet Hänni auch die Produktion aus. Ein intaktes Ökosystem und lebendige, gesunde Böden für natürliche Lebensmittel, frei von Pestiziden, sind das Resultat. Auch für das Aufgeben der eigenen Bio-Eier hat er Verständnis geerntet. Eine offene und ehrliche Kommunikation mit den Kunden war dabei prägend. «Es freut mich, wenn wir den einen oder die andere zum Nachdenken bringen konnten.» Eine Auseinandersetzung mit dem Ernährungssystem gehe uns alle etwas an und werde uns auch in Zukunft beschäftigen.


Neue Anbausysteme

Bernhard Hännis Vater Hans machte sich schon in den 70er Jahren Gedanken dazu und starteten erste Versuche mit der pfluglosen Bodenbearbeitung. Nach einigen Jahren musste der Pflug aber wieder eingesetzt werden, die Technik war noch nicht so weit. Die stetige Bodenbearbeitung ist eine Herausforderung, insbesondere für Gemüseproduzenten. Selbst bei Hännis Bio-Anbau gab es kaum noch Regenwürmer im Boden. Dies erfordert ein Umdenken: Der Landwirt kombiniert heute Agroforstsysteme mit Gemüseanbau und entkoppelt die Anbaufläche von der Fahrspur, denn schwere Maschinen sollen nicht mehr über das Gemüsefeld fahren und den Boden weiter komprimieren. Das Geheimnis: konstante, dauerbegrünte Fahrspuren und minimale Bodenbearbeitung mit dem Geohobel. Dafür baut Bernhard Hänni bestehende Maschinen um und entwickelt sie weiter. Durch die Gründüngung im Beet wird der Humus konstant aufgebaut. Die Hochbaumstämme am Rand der Gemüsebeete mit Blühstreifen fördern die Biodiversität, und die tieferen Wurzeln sowie der zunehmende Humusgehalt machen sich nicht nur in der Bodengesundheit, sondern auch im Wassermanagement positiv bemerkbar. An heissen, trockenen Tagen kann der Boden mehr Wasser speichern. Von Agroforst ist hier die Rede, eine Kombination von Elementen der Forstwirtschaft mit denen des Ackerbaus. Über 100 Hochstammbäume sind bei den Beetflächen und liefern Obst wie Zwetschgen, Mirabellen, Birnen und Quitten.


Veränderung der agrarpolitischen Landschaft

«Jeder Landwirt, der etwas in Richtung nachhaltige, regenerative Landwirtschaft umstellt, ist ein Gewinn, keine Konkurrenz.» So gibt Hänni seine Erfahrungen an andere Landwirte weiter, etwa am Symposium für aufbauende Landwirtschaft. Nur gemeinsam könne man eine grosse Veränderung erzielen. Schritt für Schritt, und dennoch sind es am Ende die vielen, einzelnen Etappen, die das Gesamte ausmachen. Hänni selbst bleibt dran. Neuerdings hat er zum Beispiel das frostgesicherte Gewächshaus auf Pelletheizung umgestellt, um keine fossilen Brennstoffe mehr zu verwenden. Und auch wenn die Wurzeln des Bio-Hofs Chrömeli weit in die Vergangenheit reichen, Bernhard Hänni ist ganz präsent in der Gegenwart und denkt an die Zukunft. Unsere Taten von heute sind unsere Geschichte von morgen. «Wir müssen jetzt Verantwortung übernehmen», so Hänni. Er wünscht sich, dass nicht der Minimal-Standard gelebt wird, sondern dass wir als Gesellschaft in eine neue Richtung gehen. Gerade die Landwirtschaft kann einen wichtigen Beitrag leisten – mit weniger Kompromissen und klaren Grundwerten. Deshalb macht sich Bernhard Hänni aktuell für die Trinkwasser-Initiative stark.


Text und Bilder: Maya Frommelt