Ein «Erdbeer-Paradies» fest in Familienhand

Sind die Erdbeeren da, ist die warme Jahreszeit nicht mehr weit weg. Gut, dass jetzt Saison ist. Wer es nicht nur frisch, sondern auch verantwortungsvoll mag, greift zu Bio-Erdbeeren. Auf dem Biohof Oberzinggen wachsen die saftigen Früchte in Hülle und Fülle – und nicht nur die.

Erdbeerfeld vom Biohof Oberzinggen

Der Biohof Oberzinggen nahe Malters LU ist in einer sanften Hügellandschaft auf 660 Metern mit Blick auf Pilatuskette und Rigi eingebettet. Auf etwas mehr als einen Hektar hat die Familie Joss Erdbeeren und Himbeeren angepflanzt. Anna Joss ist die Frau für die Beeren, ihr Mann Thomas ist für den Ackerbau und die Pouletmast zuständig. Um das Management kümmern sich beide. Thomas’ Vater Ruedi kümmert sich um die Milchwirtschaft. Auf seinen «Mist» ist der Biohof gewachsen, aber dazu später mehr. Aktuell ist der Hof in vierter Generation in Familienhand.

Erdbeeren wachsen im Tunnel und im Freiland

Das weite Feld der Erdbeeren – Anna Joss hat sie im Blick. Teils unter Tunneln, teils noch im Freiland wachsen und gedeihen die Früchte. Sobald die frühen Sorten abgeerntet sind, zügelt der Tunnel auf die späten Erdbeer-Sorten. Vier Sorten sind es in diesem Jahr: Clery, Joly, Magnum und Sibilla. Die Tunnel seien zwar nicht schön, aber notwendig, sagt sie. «Unsere Gegend ist sehr niederschlagsreich, sodass wir da kein Risiko eingehen können. Zudem schützen die Tunnel besser vor Pilzkrankheiten und Fäulnis.»

Bio-Landwirtschaft als Familientradition

Anna Joss weiss, wovon sie spricht. Seit sie 2013 mit dem Erdbeer-Anbau begonnen hat, hat sich die studierte Sozialpädagogign und zweifache Mutter zu einer wahren Erdbeer-Expertin entwickelt. Dass es Bio-Erdbeeren sind, hat sie ihrem Schwiegervater zu verdanken. Ruedi Joss gilt als Bio-Pionier in der Region und hat den Hof schon vor Jahrzehnten auf Bio umgestellt. Bereits seit 1994 ist der Biohof Oberzinggen Knospe-zertifiziert.

Die Chemiekeule ist tabu

Gerade bei den sensiblen Erdbeeren ist ein besonders gutes Händchen in Sachen Schädlingsbekämpfung gefragt. «Mit der Chemiekeule kann man hier nicht kommen. Stattdessen setzte ich auf Beobachtung und präventive Massnahmen in Form von Nützlingen», sagt Anna Joss. Ansonsten sollen die Erdbeeren wachsen, wie es ihnen die Natur vorgibt. Aber, gerade dieses Jahr sei es durch die wechselnde Wettersituation (heiss, kalt, Regen) besonders schlimm mit dem Schädlingsdruck. Trotzdem hält Anna Joss an ihrem Prinzip fest: «Ich greife nur ein, wenn Hilfe vonnöten ist.»

Und beschleunigt wird hier nichts, den Früchten wird die notwendige Zeit zum Reifen gegeben. Wasserrinnen oder Erdbeeren in Substrat ober ähnliches ist tabu in Bio, auch wenn das Pflücken aus Wasserrinnen deutlich leichter und schneller von der Hand geht. «Erdbeeren gehören in die Erde», ist Anna Joss überzeugt. Im Resultat erhalte der Kunde den vollen, unverfälschten Genuss – samt gutem Gewissen.

«Ich greife nur ein, wenn Hilfe vonnöten ist.»
Anna Joss, Biohof Oberzinggen

Erdbeeren

Ungefähr von Mitte Mai bis Mitte Juni können die Erdbeeren geerntet werden. Frühere Ideen, Erdbeeren bis in den Herbst zu produzieren, hat Anna Joss beiseitegelegt. «Irgendwann ist der Appetit auf Erdbeeren einfach gestillt.»

Es müssen nicht immer Erdbeeren aus Spanien sein

Dann kommt die Zeit für Tiefkühl-Erdbeeren. Anna Joss ist überzeugt, dass man Erdbeeren auch ruhig im Winter geniessen könne. Dabei müsse nicht zwangsläufig auf die Beeren aus Spanien zurückgegriffen werden. Einheimische Erdbeeren könne man eben tiefgefroren oder in verarbeiteter Form bspw. als Fruchtaufstrich oder Frucht-Snack geniessen. Die Direktvermarktung läuft beim Biohof Oberzinggen ausschliesslich per Online-Bestellung. Einen Hofladen gibt es nicht. Ansonsten beliefern sie zahlreiche Stammkunden aus dem Handel oder die Beeren werden auf dem Markt in Luzern verkauft.

«Neue» Beere – neues Glück?

Unterdessen hat Anna Joss gemeinsam mit ihrem Mann Thomas das Beeren-Sortiment erweitert. Neben Erd- und Himbeeren sind seit wenigen Jahren die Haskap-Beeren im Verkauf. «Haskap, was?», werden sich sicher einige fragen. Kein Wunder, ist die Beere doch hierzulande noch weitgehend unbekannt. Sie firmiert auch als Honigbeere, Maibeere, Heckenkirsche oder sibirische Blaubeere. Die ursprünglich aus Sibirien stammende Frucht ist in Japan und Südkorea bereits seit Jahren ein Renner. Die Frucht ist ovalförmig und erinnert an den Geschmack von Cassis, Holunder, Himbeere.

In der Schweiz will Anna Joss die Haskap-Beere auf dem Markt etablieren. 2017 wurden die ersten Sträucher gepflanzt, inzwischen wachsen sie auf drei Feldern an unterschiedlichen Orten und Höhenlagen, um das kurze Erntefenster zu verlängern. Das spricht für eine gute Nachfrage.

2020 wurden Haskap-Produkte sogar mit der Gourmet-Knospe ausgezeichnet. Offenbar hat sich das Risiko auf die «neue» Beere zu setzen, ausgezahlt. Die Firma Ottinger AG in Ballwil produziert neu einen Haskap-Gelee im Auftrag von Coop unter dem Label naturaplan. Das Glace-Unternehmen «Kalte Lust» bietet Haskap-Glace an und auch andere Unternehmen verarbeiten die Frucht.

Kommen weitere Früchte?

Es läuft also. Expansion sei für Anna Joss aber gerade kein Thema. «Ich bin jetzt erstmal zufrieden», sagt sie. «Aber wer weiss, irgendwann wird vielleicht die fünfte Generation den Hof übernehmen und vielleicht ersetzen sie die Landwirtschaft dann durch einen Ponyhof.»

Fakten zum Biohof Oberzinggen


Knospe-Hof seit: 1994
Landwirtschaftliche Nutzfläche: 34 ha, davon
3,5 ha Weizen
1,5 ha Raps
1 ha Mais (und etwas Ganzpflansilage aus MAis/Gerste)
0,5 ha Erdbeeren
0,5 ha Himbeeren
6 ha Haskap-Beeren
Rest ist Grünland
Rinder: 36 Kühe (Jungvieh extern in Aufzuchtvertrag)
Hühner: 2600 Mastpoulets

Redaktion und Fotos: Oliver Roscher