Gemeinsam gegen den Klimawandel

21. Dezember 2020

Regenwürmer, Flachgrubber und Pflanzenkohle – Knospe-Landwirte des Vereins AgroCO2ncept zeigen, wie Klimaschutz in Ackerbau und Viehhaltung funktionieren kann.


Klimaschutz auf einem Landwirtschaftsbetrieb, sagt Bioackerbauer Toni Meier, sei wie das Schrauben an einem Uhrwerk. «Da gibt es grosse und kleine Zahnräder, die präzise ineinandergreifen müssen, damit man substanzielle Resultate erreicht.» Dabei sei jeder Betrieb anders. Ein Generalrezept gebe es nicht. Das Uhrwerk von Toni Meier scheint ziemlich gut zu funktionieren. Das zeigen die Zahlen: 2012 betrug sein Treibhausgasausstoss knapp 58 Tonnen. Drei Jahre später waren es 14 und 2018 noch 11 Tonnen. «Spätestens bei meiner Pensionierung will ich klimaneutral sein. Ich habe also noch fünf Jahre Zeit.» Toni Meier ist kein Unbekannter. In den letzten Jahren ist der Knospe-Landwirt aus dem zürcherischen Flaach, Schweiz, immer wieder als «Klimabauer» in den Medien aufgetaucht. Auch im Ausland. Grund dafür ist sein Verein AgroCO2ncept, den er 2012 mit zehn Mitstreitern gegründet hat. Mittlerweile machen 24 Betriebe aus der Region mit. Ziel der Landwirtinnen und Landwirte ist es, ihren Ausstoss der Treibhausgase Kohlendioxid, Methan und Lachgas um 20 Prozent zu reduzieren. Gleichzeitig sollen 20 Prozent der Kosten eingespart und 20 Prozent mehr Wertschöpfung erreicht werden. Finanziell unterstützt und wissenschaftlich begleitet wird das Unterfangen von verschiedenen Akteuren wie Bund, Kanton, Agroscope und Fachleuten des Strickhofs. Für sein Engagement erhielt AgroCO2ncept kürzlich vom EU-geförderten Forschungsprojekt Liaison gar den Titel «Botschafter für ländliche Innovation» verliehen. Ein gewichtiger Teil seiner Treibhausgasreduktion, sagt Toni Meier, konnte er mit einer relativ simplen Massnahme erlangen. «Anstatt das Schnittgut der Wiesen weiterhin in einer ölbefeuerten Anlage zu trocknen, wie ich das früher gemacht hatte, stellte ich auf Bodentrocknung um», sagt er. Nebst solchen Eigenmassnahmen läuft aber vieles über Teamarbeit. Zusammen mit Hanspeter Breiter bildet er eine Betriebsgemeinschaft mit rund 40 Hektaren Land. 30 davon sind Anbauflächen für Weizen, Gerste, Erbsen, Sonnenblumen und Mais sowie Kunstwiesen mit Gras, Klee und Luzerne; die übrigen 10 Hektaren sind ökologische Ausgleichsflächen. Vieh halten die beiden keines.

Damit Stickstoff und Lachgas im Boden bleiben

Klimaschutz hat viel mit dem richtigen Umgang mit dem Boden zu tun. Dieser gilt als hervorragender Kohlenstoffspeicher, sofern er gesund und humusreich ist. Das sorgt auch für gutes Wachstum. Dies zeigt das Ölrettichfeld hinter Toni Meiers Haus. Mitte Januar reichen die stattlichen Pflanzen teilweise bis zu den Knien. «Ein stabiler Boden muss leben», sagt Hanspeter Breiter. Im Winter zu pflügen sei daher keine gute Idee. Bodentiere wie Regenwürmer und Mikroorganismen würden an die Erdoberfläche gekehrt, wo sie schutzlos der Witterung und der Kälte ausgesetzt seien. «Viele verenden dabei. Zudem geht der Stickstoff ungenutzt verloren.» Dabei entsteht auch Lachgas, das 300-mal klimaschädlicher ist als CO2.
Der Zeitpunkt der Bodenbearbeitung ist das eine. Das andere die Art und Weise. Dabei setzen die beiden Landwirte unter anderem auf das Mulch- und das Direktsaatverfahren. «Zum einen arbeiten wir viel mit dem Flachgrubber», sagt Toni Meier. Dabei werde der Boden klimaschonend oberflächlich bis maximal acht Zentimeter geschält. Zum anderen komme das sogenannte SeedEye von Väderstad zum Einsatz. Mit diesem hochmodernen System, das beim Säen die einzelnen Körner zählt, erklärt Hanspeter Breiter, kann eine definierte Anzahl Samen pro Quadratmeter präzise ausgebracht werden. «Je weniger Saatgut ich verschwende, desto weniger muss hergestellt und transportiert werden, was wiederum CO2 einspart.» Auch der Dieselverbrauch sei geringer, weil effizienter übers Feld gefahren werden könne. Die beiden Biolandwirte weibeln auch dafür, dass man sich grundsätzlich zusammenschliessen und gewisse Feldarbeiten teilen oder an ein Lohnunternehmen auslagern sollte. Hanspeter Breiter führt ein solches. «Moderne, leistungsfähige und sparsame Maschinen kann man sich als Einzelner kaum leisten», sagt er. Stattdessen bleibe man auf seinen alten Dieselfressern sitzen, die eigentlich ausrangiert gehörten.

Eine Tonne Kohle speichert 2,6 Tonnen CO2

Ein weiterer klimarelevanter Punkt ist die Düngung. Da das Knospe-Gespann Meier-Breiter kein Vieh hält und energieintensiv hergestellter synthetischer Dünger eh kein Thema ist, setzen sie auf verschiedene Verfahren. Eines davon ist die Gründüngung mit Klee und Luzerne. Hinzu kommt der Einsatz von Schnittgut wie frischer oder silierter Klee oder Ökogras. «Den Erstschnitt», sagt Toni Meier, «verkaufen wir als Futter, den Zweit- und Drittschnitt hingegen bringen wir auf unseren Feldern aus.» Das könne man übrigens noch im Oktober machen, denn die Bodenorganismen bräuchten ja auch im Winter etwas zu futtern. Wie gut das funktioniert, zeigt ihr Ölrettichfeld. «Der Boden ist voll mit organischem Material und parat für die Sonnenblumen, die wir hier später anpflanzen werden», sagt Toni Meier. Einen wichtigen Platz nehmen auch der Kompost und die Pflanzenkohle ein, die die beiden Landwirte partnerschaftlich in einem Zweitunternehmen herstellen. Pflanzenkohle, erklärt Toni Meier, sei wie ein Schwamm, der sich mit Nährstoffen aufladen, Wasser speichern und den Boden entgiften könne. «Vor allem aber kann eine Tonne Pflanzenkohle 2,6 Tonnen CO2 speichern.»

Durch Kuh, Stall und Güllegrube

Auch das Ehepaar Manuela und Markus Ganz ist zusammen mit Lukas Schafroth Mitglied des Vereins AgroCO2ncept. Die Betriebsleitergemeinschaft bewirtschaftet in Gräslikon ZH 33 Hektaren Land mit Schwerpunkt Lagergemüse und Getreide. Gleichzeitig halten die Knospe-Bauern zwölf Aufzuchtrinder, zwei Ammenkühe und sechs Bio-Weidebeef-Rinder – was die Klimabilanz des Betriebs entsprechend negativ beeinflusst. Deshalb versuchen die drei bezüglich Reduktion der Methanemissionen neue Wege zu gehen. Seit Dezember mischen sie alle drei bis vier Tage Pflanzenkohle unter das Futter. Etwa 40 Gramm pro Tier. Dadurch sollen die Gesundheit und die Raufutterverwertung verbessert werden. «Wer das schon länger macht, schwört darauf. Es ist fast wie eine Religion», sagt Markus Ganz. Der andere Effekt ist, dass die Pflanzenkohle, die durch die Kuh hindurchwandert, hinten bereits nährstoffgeladen wieder herauskommt. Kombiniert mit dem Einstreuen im Stall und der direkten Zugabe in die Güllegrube erhoffen sie sich einen hervorragenden Hofdünger. Zudem bleibt das Ammonium gebunden und es gibt geringere Nitratverluste.

Mit voller Sonnenkraft voraus

Kraftfutter ist auf dem Hof übrigens keines zu finden. Meist sind die Tiere draussen auf der Weide, was auch den Vorteil hat, dass sie nicht am selben Ort Kot und Urin absetzen. Vermischen sich die beiden, wie das im Stall passiert, werden unter anderem klimaschädliche Gase freigesetzt. Ansonsten bekommen die Rinder Raufutter und Ernteabfälle. Hinzukaufen müssen die Betriebsleiter nichts. «Wir halten nur so viele Tiere, wie unser Betrieb ernähren kann», sagt Manuela Ganz. Vorausschauend sind die drei auch beim Energieverbrauch, nebst einer Fotovoltaikanlage besitzen sie ein Elektroauto und einen Elektrostapler sowie zwei solarbetriebene Jätmaschinen. Überhaupt, sagt Manuela Ganz, hätten sie bereits vor ihrem Eintritt in den Verein AgroCO2ncept viele Klimamassnahmen umgesetzt. Schade sei nur, ergänzt Lukas Schafroth, dass dies staatlich nicht immer honoriert werde: «Finanziell gefördert werden hauptsächlich Verbesserungen, das ‹Bereitsgut-Sein› wird hingegen wenig belohnt.»
Text und Bilder: René Schulte
Artikel publiziert in: Bio Aktuell. Das Magazin der Bio Bewegung. Ausgabe 2/2020, S. 8.
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