Bio-Honig: Wie aus Nektar Knospe-Honig wird

17.08.2026

Bio-Honig unterscheidet sich von konventionellem Honig im Standort der Bienenkästen und im Futter für den Winter. Rosanna Taminelli führt in Sementina bei Bellinzona die Bio-Imkerei AmorApis – eine von rund 220 Knospe-Imkereien in der Schweiz. Mit ihren etwa 100 Bienenstöcken produziert Taminelli rund 2000 Kilogramm Knospe-Honig pro Jahr.

Die schweisstreibenden Temperaturen im Sommer 2026 waren für die Bienen wie für die Imker:innen eine Herausforderung. In der Hitze Honig zu ernten, ist harte Arbeit: Gefüllte Honigräume wiegen bis zu 15 Kilogramm. «Da muss man einiges schleppen», lacht Rosanna Taminelli, die Mitte Juli 2026 mit der sommerlichen Honigernte begonnen hat.

Einige ihrer Bienenstöcke sind nicht mit dem Transporter erreichbar. Sie stehen auf Curzutt, einem Maiensäss oberhalb von Monte Carasso. Das Gebiet ist nur zu Fuss oder mit der Seilbahn zugänglich.

Imkerin Rosanna Taminelli hält eine mit Bienen besetzte Wabe hoch
Foto: Rosanna Taminelli

Bio-Honig ist gefragt

Die 40-jährige Tessinerin führt AmorApis in vierter Generation. Schon 1915 stellte ihr Urgrossvater Mario, Lokführer der Gotthardbahn, die ersten Bienenstöcke auf. Es folgten Grossvater Giuseppe und Vater Fausto, der den Betrieb 2017 an Rosanna übergab. Die gelernte Bauzeichnerin erwarb an der Landwirtschaftsschule Coldrerio-Mezzana ein kantonales Imkerdiplom und konzentriert sich heute ganz auf die Honigproduktion.

Seit 2010 sind die Produkte Bio Suisse zertifiziert. «Eine nachhaltige Bewirtschaftung ist mir sehr wichtig», sagt Taminelli. Bei der Kundschaft sei Bio-Honig gefragt.

Imkerin hinter einer Reihe gelber und grüner Bienenkästen im Garten
Foto: Gerhard Lob

AmorApis in Zahlen

  • Rund 100 Bienenstöcke in Camorino, Sementina, Malvaglia (Bleniotal) und im Val Canaria auf 1600 Metern
  • Rund 50'000 Bienen pro Volk, insgesamt etwa 5 Millionen Bienen
  • Rund 2000 Kilogramm Bio-Honig pro Jahr
  • Zwei Ernten jährlich: Frühling und Sommer

2026 kamen erstmals Bienenstöcke im Val Canaria oberhalb von Airolo dazu – auf 1600 Metern Höhe, für Alpenblumen-Honig. Auf Curzutt gewinnt Taminelli Waldhonig: einen dunklen, kräftigen Honig, der nicht aus Blütennektar entsteht, sondern aus Honigtau, den Ausscheidungen von Blattläusen. Auf Italienisch heisst er «Melata».

Der Honig geht portioniert im Glas oder im Eimer an den Grosshandel. Im Herbst steht Taminelli selbst an den Märkten: «Ich mache das sehr gern, weil ich dann im direkten Gespräch mit den Kundinnen und Kunden bin.» Auch auf Biomondo gibt es Bio-Honig von Amor Apis.

Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich: Für Bio-Honig müssen die Bienenstöcke inmitten von Bio- und Ökoflächen stehen. Im Winter erhalten die Bienen ausschliesslich Bio-Futter.

Honig mit der Knospe darf maximal 18 Prozent Wasser enthalten. Je tiefer der Wassergehalt, desto besser die Haltbarkeit.

Was macht Bio-Honig aus?

Bio-Honig ist Honig aus einer Imkerei, die nach den Richtlinien einer Bio-Organisation arbeitet. Für die Knospe von Bio Suisse gelten unter anderem diese Kriterien:

  • Standort: Die Bienenstöcke stehen inmitten von Bio- und Ökoflächen. Und sie müssen weit genug von allfälligen Verschmutzungsquellen entfernt sein. 
  • Erlaubte Produkte: Für die Bekämpfung der Varroa-Milbe sowie für die Reinigung und Desinfektion dürfen nur Produkte verwendet werden, die im Biolandbau zugelassen sind.
  • Bienenwohnung: Bienenstöcke bestehen hauptsächlich aus natürlichem Material. Weniges Zubehör darf auch aus lebensmittelechtem Kunststoff bestehen.
  • Fütterung: Im Winter darf nur mit Bio-Zucker zugefüttert werden.

Der Herstellungsprozess selbst unterscheidet sich nicht von jenem bei konventionellem Honig.

Imkerin setzt eine Honigwabe in die Honigschleuder ein
Foto: Gerhard Lob

Wie entsteht Bio-Honig?

Die Herstellung beginnt mit der Beobachtung der Blütenstände rund um die Bienenstöcke – Akazie, Kastanie, Obstbäume. Der Hügel bei Sementina ist voller Kastanienbäume, bei Camorino überwiegt die Linde.

Der Bienenstock ist gestapelt: Zuunterst liegt der Brutkasten, das Nest für die Eiablage der Königin. Darüber kommen bis zu fünf Honigräume. Ein Gitter dazwischen verhindert, dass die Königin in den Honigraum wandert.

Die Bienen fliegen bis zu drei Kilometer weit, sammeln Nektar und transportieren ihn im Honigmagen. Im Stock reichern sie ihn mit körpereigenen Enzymen an, die den Rohrzucker in Frucht- und Traubenzucker aufspalten. Danach füllen sie die Flüssigkeit in die Waben und trocknen sie durch starkes Flügelschlagen. Aus Nektar wird Honig – eigentlich ein Nahrungsvorrat für das eigene Volk. «Wir profitieren vom Überschuss», sagt Taminelli.

Waldhonig entsteht nicht aus Blütennektar, sondern aus Honigtau. Er ist dunkler und kräftiger als Blütenhonig und heisst auf Italienisch «Melata».

In der Regel zweimal jährlich: im Frühling nach der ersten Tracht und im Sommer.

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Wann ist Honig erntereif?

Zwei Kriterien sind entscheidend:

Verdeckelung: Hat sich über den Waben eine dünne Wachsschicht gebildet, ist der Honig reif.

Wassergehalt: Er wird mit einem Refraktometer gemessen – ähnlich wie Winzer den Öchslegrad von Trauben bestimmen. «Der Wassergehalt sollte zwischen 16,5 und maximal 18 Prozent liegen», sagt Taminelli.

Frisch geschleuderter Honig fliesst aus dem Hahn in einen Edelstahlbehälter
Foto: Rosanna Taminelli

Die Honigernte in fünf Schritten

  1. Waben entnehmen: Die reifen Waben kommen aus dem Bienenstock und werden von Bienen befreit, etwa mit einem Laubbläser.
  2. Entdeckeln: Entdeckeln bezeichnet das Entfernen der dünnen Wachsschicht über den Zellen. Bei AmorApis übernimmt das eine Maschine mit zwei dünnen Messern, nachgearbeitet wird von Hand mit der Entdeckelungsgabel – eine klebrige Angelegenheit.
  3. Schleudern: In der Honigschleuder löst die schnelle Drehbewegung den Honig aus der Wabe. Der Prozess erfolgt kalt.
  4. Filtern: Der flüssige Honig läuft in ein Lagergefäss und wird gefiltert.
  5. Abfüllen: Zum Schluss kommt der Honig ins Glas oder in den Eimer.

Ihre Endprodukte wie Kastanien- oder Lindenblütenhonig lässt Taminelli beim Biologischen Institut für Pollenanalyse in Bern (BIP) kontrollieren: «Dann weiss ich genau, was ich auf das Etikett schreiben kann.» Das sei auch eine Garantie für die Kundschaft.

Wie sich Klima und Varroamilbe auf die Honigernte in der Schweiz auswirken

Nicht jede Saison ist gleich. Den Rückgang der Bestände – etwa durch die Varroamilbe, einen parasitären Bienenschädling – bemerkt auch die Tessiner Imkerin, die im Garten von Sementina eine eigene Zucht von Bienenköniginnen angelegt hat. 2025 lag die Honigproduktion bei AmorApis 30 Prozent unter jener von 2024. In der Saison 2026 setzt sich dieser Trend nicht fort: «Es sieht sehr gut aus», freut sich die Bio-Imkerin.

In fünf Schritten: Waben entnehmen, entdeckeln, schleudern, filtern, abfüllen. Der Prozess ist derselbe wie bei konventionellem Honig – unterschiedlich sind Standort und Winterfutter.

Bei Bio Suisse sind rund 220 landlose Imker:innen registriert. Das bedeutet, dass diese Imker:innen Honig nach den Richtlinien von Bio Suisse produzieren. Sie bewirtschaften aber keinen landwirtschaftlichen Betrieb, haben also weder Vieh noch Ackerfläche. Bei Bio Suisse sind über 7’400 Bio-Landwirtschaftsbetrieben und -Gärtnereien registriert. Ein Teil dieser Betriebe produziert ebenfalls Bio-Honig.