«Es ist uns wichtig, die Rollen fair zu verteilen»
22.01.2026
Mit 30 übernimmt Julia Meier Maggini den elterlichen Biohof, ohne klassische landwirtschaftliche Ausbildung und mit zwei kleinen Kindern. Sie spricht offen über Lernen im Tun, die Macht der Rollenbilder und warum Gleichstellung nur funktioniert, wenn Männer ebenso Verantwortung im Haushalt übernehmen.
Vor zwei Jahren hast du den Biohof Mittelberg von deinen Eltern übernommen. Als junge Frau mit zwei Brüdern keine Selbstverständlichkeit.
Ja, statistisch gesehen war meine Chance klein. Aber meine Eltern waren immer offen, haben mich mit einbezogen. Das war sehr wertvoll.
Ist der eigene Hof dein Kindheitstraum?
Nein, ich habe immer gern mitgeholfen, bin zur Alp gegangen, aber den Hof zu übernehmen, das hatte ich lange nicht vor. Ich habe Geografie und Sozialwissenschaften studiert, bevor ich mich für den Hof entschieden habe. Da war ich 30 und hatte mein erstes Kind, das zweite kam bald darauf. Für eine längere Ausbildung hatte ich da keine Kapazität, der Direktzahlungskurs musste erst mal reichen. Ich habe vieles beim praktischen Tun und in spezifischen Weiterbildungskursen gelernt.
Ein herausfordernder Einstieg ...
Ja, das ist es manchmal auch heute noch. Ich arbeite oft mit meinem Vater oder mit meinem Mann Paolo zusammen. Mit manchen Maschinen haben sie mehr Erfahrung, sind schneller als ich. Mir ist es aber wichtig, es auch zu lernen, Erfahrungen zu sammeln. Da entscheiden wir ganz be-wusst. Gerade unter Zeitdruck, wenn es schnell gehen soll, müssen wir uns selbst an der Nase nehmen, um nicht in alte Rollen zu fallen.
Du musst dir diese Freiheit bewusst nehmen.
Absolut, ja. Es ist uns wichtig, die Rollen fair zu verteilen, es ist ein Geben und Nehmen: Ich nehme mir den Raum, um mich beruflich weiterzuentwi-ckeln, und gleichzeitig erhält mein Mann den Raum, mehr mit den Kindern zu sein. Wenn sie dann zum Beispiel zu dritt das Essen vorbereiten, während ich in den Stall gehe, ist das eine Bereicherung für uns alle.
Aufgaben abgeben ist also genauso wichtig wie Aufgaben übernehmen?
Unbedingt. Ich kann den Betrieb nur führen, weil ich anderes abgeben kann. Wenn der Partner oder jemand anderes nicht im Haushalt und bei der Kinderbetreuung präsent ist, kommt es schnell zu einer Überlastung. Da ist es völlig klar, wenn Frauen sagen, «ich will gar nicht noch mehr Verantwortung im Betrieb übernehmen, wenn ich schon den ganzen Haushalt mache». Das würde ich auch nicht wollen.
Wie siehst du das Thema Gleichstellung?
Ich finde, wir leben in einer chancenvollen Zeit. Auch in der Landwirtschaft bewegt sich viel. Aber meistens bewegt es sich nur in eine Richtung, Frauen können mehr in bisherige Männersphären eintreten. Was gut ist! Aber umgekehrt ist es immer noch schwierig. Es sollte genauso selbstverständlich sein, dass Männer in der sogenannten weiblichen Sphäre tätig sind. Nur so öffnen sich Freiräume und Chancen für alle Seiten. Aber da fehlt oft noch die gesellschaftliche Anerkennung.
Welche Rolle spielt da die Ausbildung?
Ich denke, es ist wichtig, für diese Themen zu sensibilisieren. Also nicht traditionelle Rollenbilder zu reproduzieren, sondern verschiedene Modelle zu zeigen, wie ein Betrieb geleitet werden kann und Aufgaben verteilt werden können. Das, was uns vorgelebt wird und was wir sehen, das prägt ja, was wir uns überhaupt vorstellen können. Da sehe ich auch eine Parallele zu ökologischen Themen. So, wie die biologische Landwirtschaft in der Ausbildung eine Selbstverständlichkeit werden muss, müssen auch offenere Geschlechterrollen einen festen Platz erhalten. Wenn ich mich damit schon in der Ausbildung auseinandergesetzt habe, wird mir das später in der Berufspraxis viel leichter fallen.
Siehst du dich selbst als Vorbild?
Ja, ich denke schon. Mir ist es wichtig, auch im Alltag andere Bilder sichtbar zu machen, sei es nur schon wenn ich mit dem beladenen Heutranspor-ter durchs Dorf fahre. Welche Vorbilder wir als junge Menschen haben, ob wir in unseren Interessen bestärkt und gefördert werden, ob wir schon mit sechs Jahren auf grossen Maschinen sitzen oder zum ersten Mal mit 15 in der Lehre – all das prägt uns, lange bevor eine Ausbildung beginnt. Auch dafür braucht es in den Schulen und auf den Lehrbetrieben Sensibilität, damit alle die gleichen Chancen erhalten.
Internationales Jahr der Landwirtinnen 2026
Die UNO hat 2026 zum Internationalen Jahr der Landwirtinnen erklärt. Der Grund ist simpel: Ohne Frauen funktioniert Landwirtschaft nicht – trotzdem bleiben ihre Leistungen oft unsichtbar.
Weltweit stellen Frauen rund 40 Prozent der Arbeitskräfte in Agrar- und Ernährungssystemen, produzieren Lebensmittel, sichern Existenzen und halten Betriebe am Laufen. Gleichzeitig haben sie häufig weniger Zugang zu Land, Krediten, Ausbildung, Technik und Entscheidungspositionen als Männer. Studien zeigen: Wenn Frauen unter gleichen Bedingungen wirtschaften können, steigen Erträge, Einkommen und die Ernährungssicherheit ganzer Regionen. Das Jahr der Landwirtinnen setzt genau hier an – mit Daten, politischem Druck und öffentlicher Aufmerksamkeit.
Weitere Informationen: FAO, www.fao.org/woman-farmer-2026/fr, Veranstaltungen und Informationen des Schweizer Bauernverbands